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Kreis Emmendingen - Herbolzheim

25. Apr 2012 - 17:44 Uhr

Ein Rentenexperte geht in Rente - Rückblick auf ein Leben als Interessenvertreter - Albrecht Künstle aus Herbolzheim im Breisgau

Ein Paradoxon: Der „Tag der Arbeit“ ist sein erster Tag der dauerhaften Nicht-Arbeit. Die Rede ist von Albrecht Künstle, der am 1. Mai im Alter von 62 Jahren seine Rente für langjährig Versicherte antritt. Eigentlich wollte er nach 45 wechselhaften Berufsjahren mit 60 Jahren in Rente gehen, um einem jungen Menschen eine frühzeitige Berufschance zu geben. Aber das Rentenalter wurde heraufgesetzt und sein Antrag auf Altersteilzeit ab 55 abgelehnt. Erst mit 59 konnte er die Freistellung der Altersteilzeit antreten und wechselt nur von drei Jahre vorgearbeiteter Nicht-Arbeit in dieselbe als Rentner. Eine junge Juristin fand dadurch drei Jahre früher einen qualifizierten Arbeitsplatz als Rechtssekretärin.
Sein Berufsleben entsprach zwar dem typischen Verlauf einer Erwerbsbiographie: Zwei einschneidende Wechsel teilten sein Berufsleben in drei unterschiedliche Abschnitte. Doch sind diese ihrer Art nach alles andere als typisch. Fast sieht es wie eine misslungene Karriere aus, denn sie begann beim „Papst“ und endete beim Bischof. Doch der Reihe nach:
Der junge Künstle – Sohn einer Bauernfamilie – mochte nicht aufs Gym gehen, weil seiner damaligen Vorstellung nach so ein Absolvent als Beamter in einer dunkeln Schreibstube „verendet“. So machte er aus der Volksschule das Beste und wollte 1965 bei der Firma Papst Elektriker lernen. Aus seinem Vorstellungsgespräch heraus kam er mit einem Lehrvertrag als Mechaniker. Er war hingerissen vom silbrig glänzenden Metall der neuen Gießformen und Vorrichtungen, das er vom landwirtschaftlichen Betrieb nicht kannte.
Doch obwohl er seine Facharbeiterprüfung als Kammerbester machte, hielt es ihn im erlernten Beruf nicht lange. Er musste erfahren, dass nicht nur gute Handwerker gebraucht werden, sondern engagierte Interessenvertreter. Man wählte ihn als Jugendvertreter, dann in den Betriebsrat, den er schließlich als Vorsitzender vertrat und war Mitglied des GBR. Der IG-Metaller Künstle besuchte viele Lehrgänge und gab später selbst welche. Er absolvierte eine Briefschule über Volkswirtschaft, machte sich fit in Betriebswirtschaft, Kostenrechnung und Bilanzanalyse und machte auch den REFA-Schein. So leitete er schließlich die Eingruppierungs- und Akkordkommission und wurde Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses.
So war es nicht verwunderlich, dass der unermüdlich ehrenamtlich tätige Gewerkschafter im Jahr 1980 zum DGB gerufen wurde. Zuerst war er in Offenburg als Organisationssekretär zur Unterstützung des Kreisvorsitzenden tätig. Doch dann wurde er trotz Familie nach Villingen abkommandiert, um ein Jahr den erkrankten Kreisvorsitzenden zu vertreten. Kaum wieder zurück, musste er ausgerechnet „in der Woche nach Tschernobyl“ in Ravensburg mit dem größten Fallout den Dienst antreten. Sein Sponti-Spruch „lieber radioaktiv als fernsehmüde“ wurde traurige Realität. Doch nicht lange:
Nach einem Jahr im Jahr 1988 wählte man Künstle im DGB-Kreis Rastatt/Baden-Baden zum Kreisvorsitzenden – gegen den dort gehandelten Favoriten. Kein leichter Start, aber er machte das Beste draus und wurde auch wieder gewählt. Seine Stärken waren die Offenheit gegenüber anderen Verbänden und die Öffentlichkeitsarbeit. Er gründete u.a. einen Arbeitskreis Kirche-Gewerkschaft. Künstle wollte nicht alles an sich reißen nach dem Motto „Wer seine Finger überall drin hat, kann keine Faust mehr machen um auf den Tisch zu hauen.“ Die AOK überließ er anderen verdienten Gewerkschaftern und beschränkte sich auf den Verwaltungsausschuss des Arbeitsamtes, dessen alternierender Vorsitzender er war.
Doch nicht alle DGB-Kreise liefen so gut wie seiner. Der DGB verlor Mitglieder und musste sparen. Sparopfer war u.a. sein DGB-Kreis, der während seiner Amtszeit dem Nachbarkreis Karlsruhe zugeschlagen wurde. Künstle störte weniger, dass eine solche kalte Amts-enthebung rechtlich gar nicht möglich war. Vielmehr wusste er, dass er von 35 DGB-Kreisen in Baden-Württemberg mit den drittwenigsten Geldern den 13 größten DGB-Kreis leitete und „dazu etwas auf der hohen Kante hatte“. Und ein Unternehmen, das die „florierenden Betriebe dicht macht und die Sorgenkinder weiter wurschteln lässt, mache verhängnisvolle Fehler.
Deshalb war es nicht verwunderlich, dass er sich nicht mit seiner Rolle als „fünftes Rad am Wagen“ in Karlsruhe abfinden mochte. Mit einer Aufstiegsfortbildung zum Personalfachkaufmann IHK bereitete er seinen Ausstieg vor. Nach den selbst gewählten tagesgenau 15 Jahren hauptamtliche Tätigkeit beim DGB quittierte er seinen Dienst und nahm die Stelle als Geschäftsführer/Rechtssekretär der Geschäftsstelle für Mitarbeitervertretungen der Caritas im Bistum Freiburg an. Getragen wurde und wird diese von der Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB). Auftraggeber war deren Sprechergruppe, eine Art Konzernbetriebsrat der über 200 Einrichtungen mit über 20.000 Beschäftigten, die er arbeitsrechtlich und anders zu betreuen hatte.
Doch auch diese Aufgabe füllte ihn nicht ganz aus, weil er mit seiner Qualifikation als Personalfachkaufmann wenig anfangen konnte. Künstle meldete freiberuflich „Betriebs- und Personalberatung“ an, aber diese Spezies gebe es zur Genüge. Außerdem wollte er seine Beratung nur zum Vorteil auch der Beschäftigten anbieten. Als eine solche machte er die Betriebliche Altersversorgung aus. Künstle arbeitete eng mit dem Ministerium seines früheren Weggefährten Walter Riester zusammen und war in die Entstehungsgeschichte des Altersvermögensgesetzes bestens eingebunden. Deshalb war er oft einen Schritt voraus und konnte so einige Jahre im Wirtschaftsteil der Badischen Zeitung den Schwerpunkt Altersversorgung abdecken, insbesondere die betriebliche und die private Vorsorge.
Auch Anbietern der Betriebliche Altersversorgung und Vertriebsleuten stand Künstle mit selbst geschriebenen Rechenhilfen/-programmen zur Seite. Zuerst mit einem Anbieter der pauschal dotierten Unterstützungskasse, die aber für Arbeitgeber kaum noch interessant ist, wenn sie kaum noch Steuern zahlen. Dann mit der Kölner Pensionskasse VVaG, deren Kooperationspartner er als einer der ersten wurde. Doch auch dieses gehört der Vergangenheit an, weil Berlin mit seinem Vermittlergesetz unabhängige „Seiteneinsteiger“ austrickste und nur noch die Versicherungslobby gewähren lasse.
Besondere Verdienste erwarb sich Künstle aus Anlass der Umstellung der Zusatzversorgung von der Gesamtversorgung auf das beitragsorientierte Punktesystem. Seine Warnungen hinsichtlich der handwerklichen Fehler wurden von den Tarifvertragsparteien leider nicht gehört. Erst die höchsten Gerichte verwarfen die von ihm beanstandeten Fehler. Dazu beigetragen hatten seine Rechenprogramme, mit denen er selbst hunderte Startgutschriften überprüfte und die Klagen von Anwälten bezifferte. „Leider ließ sich ver.di auch bei deren Nachbesserung der Tarifregelung über den Tisch ziehen,“ resignierte Künstle.
Weil er natürlich alle Fallstricke, Wege und Tricks der Altersversorgung bestens kennt, liegen seine Alterseinkünfte nicht unter denen während seines aktiven Berufslebens. Auch deshalb reißt er sich nicht mehr um Einkünfte auf diesem Beratungsgebiet, sondern hilft nur noch auf Anfrage und im Notfall. So werden auch die Herbolzheimer Doris-Betriebsrentner bald wieder ihre Renten nach- und weitergezahlt bekommen. Darum bemühte er sich als stellvertretender Bezirksvorsitzender der Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) Freiburg.
Auch seine Tätigkeit als Landesarbeitsrichter in Freiburg will Künstle bald in jüngere Hände abtreten. Langweilig wird es ihm dann trotzdem nicht. Seine Tätigkeit für die IG BOHR als „Rechenzentrum“ wird ihn noch in Anspruch nehmen, „bis der letzte Gleiskilometer verlegt ist.“ Und schon während seines Berufslebens ging er mit seiner Frau Waltraud viel auf Rei-sen, jetzt endlich in Rente werden diese sicher nicht weniger werden. In diesem Punkt wandelt er offensichtlich auf den Spuren seines Vaters. „In meinem früheren Leben muss ich in der Wandervogel-Bewegung gewesen sein, was auch meine politische Richtung erklären würde,“ meint Künstle. Jedoch bevorzugen die Künstles eher die bequeme Art der Welten-bummlerei: Kreuzfahrten und Tauchurlaube. Das nasse Metier zieht ihn seit seinem 26. Le-bensjahr als Sporttaucher an. Seine Ausbildung als DLRG-Rettungstaucher möchte er lieber nicht verwerten müssen.


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