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Stadtkreis Freiburg - Freiburg

20. Aug 2015 - 11:09 Uhr Annemarie Matthies 
Foto: Nadine Rodler
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Spielbälle der Verhältnisse - Eine Freiburger Soziologin hat untersucht, wie Romane die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts darstellen

Wirtschaftskrise, Hartz-Reformen, Agenda 2010: Die Realität für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark verändert. Dies spiegelt sich auch in literarischen Texten wider. Die Soziologin Annemarie Matthies hat in ihrer Dissertation erforscht, welches Bild der Gegenwartsroman von der Arbeitswelt und ihren Akteurinnen und Akteuren zeichnet. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Romanprotagonistinnen und -protagonisten die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts als negativ wahrnehmen und sich den Verhältnissen am Arbeitsmarkt machtlos ausgeliefert fühlen. Gleichzeitig zeigt keiner der Texte eine Alternative zur bestehenden Ordnung auf. Erstgutachter der Arbeit war der Freiburger Soziologieprofessor Ulrich Bröckling.

„Fiktionale Literatur ist für die Soziologie von besonderem Interesse, da sie Aufschluss über Gesellschaftsentwürfe und die Beziehung zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft und ihrem sozialen Umfeld gibt“, sagt Matthies. Dabei müsse Literatur nicht wissenschaftlich korrekt sein oder Lösungen anbieten – Anforderungen, die andere Wissensmedien erfüllen müssten. Die Soziologin analysierte 50 zwischen 1990 und 2009 veröffentlichte deutschsprachige Romane und prüfte, welche arbeitsweltliche Thematik sie darstellen. Matthies teilte die Texte in fünf Gruppen ein: Arbeitslosen-, Praktikanten-, Angestellten-, Aussteiger- und Künstlerromane sowie solche, die sich mit der New Economy beschäftigen, also mit jungen Unternehmen in Zukunftsbranchen wie der Informations- oder der Biotechnologie. „Meine Analyse zeigt, was für die Gegenwartsliteratur im Hinblick auf die Arbeitswelt relevant ist – und was nicht“, sagt Matthies. Der Großteil der Texte orientiere sich an Ereignissen, die das Neue in der Arbeitswelt beschreiben. Die altbekannte, industrielle Arbeitswelt werde dagegen nicht thematisiert.

Im zweiten Schritt untersuchte Matthies, welches Wissen die Texte transportieren. Dabei stellte sie fest, dass das Wissen sich kaum auf die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der Arbeitswelt nach 1989 bezieht. Die Autorinnen und Autoren rücken vielmehr das persönliche Verhältnis des Individuums zur Arbeitswirklichkeit in den Mittelpunkt. Konkrete Tätigkeiten, neue Berufe, die Rolle der Informationstechnologie – all diese Aspekte betrachten die Autoren nicht ökonomisch, sondern in ihrer Wirkung auf die Protagonisten. „Die Figuren stehen in einem ausgesprochen negativen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Arbeitswelt. Deren Regeln aber verstehen sie nicht“, sagt Matthies. Auch wenn die Romane die nachteiligen Wirkungen der neuen Arbeitswelt auf vielfältige Weise inszenierten, weise keiner der Texte eine Lösung auf, sondern stelle die Ausweglosigkeit als eine gegebene Tatsache dar.

(Medieninformation: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 20.08.2015)

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