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RegioTrends

Kreis Lörrach - Weil a.Rh.

11. Oct 2017 - 19:00 Uhr

Jubiläum 50 Jahre Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde Weil am Rhein - Grußwort von Herrn Oberbürgermeister Dietz

Sehr geehrter Herr Dr. Kühl,
sehr geehrte Mitglieder des Vereins,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schnabel,

Vor einiger Zeit erhielt ich ein Schreiben, bei denen sich der Autor mit dem Zitat eines Prominenten ziert, um seinen Gedanken einen besonderen Wert zu verleihen. Es war ein Satz, der Albert Einstein zugeschrieben wird und der lautete: "Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben".

Spontan regte sich bei mir Widerspruch. Widerspruch nicht weil ich etwa verkenne, dass das Leben nur in der Zukunft gelebt werden kann, - das entspricht einfacher Logik. Widerspruch aber, weil - nach meiner Überzeugung - die Zukunft nur gewinnen kann, wer die Vergangenheit kennt.

Und so lassen Sie mich mit Blick auf Einstein etwas scherzhaft sagen: Im Sinne der Relativitätstheorie mag die Zukunft relativ wichtiger sein als die Vergangenheit, aber ohne die Kenntnis der Vergangenheit lassen sich viele Entwicklungen in der Zukunft nicht erklären. Deshalb ist es sehr wohl wertvoll, sinnvoll und erkenntnisgewinnend, sich mit Vergangenem zu beschäftigen. Genau diesem Ziel hat sich der Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde verschrieben, als er vor 50 Jahren gegründet wurde.

Das Beschäftigen mit der Vergangenheit erfährt vielerlei Ausprägung. Das Feld der Heimatgeschichte ist weit - auch wenn der Gegenstand der Beschäftigung aufs Lokale oder Regionale begrenzt sein mag. Jeder kann seine Vorlieben entdecken und pflegen
für bestimmte historische Epochen,
für Fragestellungen der Wirtschafts- oder der Sozialgeschichte,
für die Archäologie oder das
textliche Quellenstudium.
Alleine die Siedlungsgeschichte bietet angesichts unserer geografischen Lage am Rhein Vielfalt und Verknüpfung in die großen europäischen Entwicklungen hinein. Hier liegt auch der ganz besondere Wert der Lokalgeschichte: sich zu verknüpfen mit den großen Ereignissen und Veränderungen auf nationaler oder europäischer Ebene.

Geschichtsbetrachtung ist für mich dabei mehr als das Anhäufen von Wissen über Vergangenes. Besonders spannend wird Geschichte, wenn Fäden in die Gegenwart gesponnen werden, wenn wir uns beispielsweise mit den Strukturveränderungen unseres Gemeinwesens und ihren Konsequenzen für die neuere Zeit befassen. Zur Illustration will ich drei Themenbereiche herausgreifen, die für die Entwicklung unserer Stadt bis in die Gegenwart demografische, soziale und stadtprägende Konsequenzen zeitigten und zeitigen. Es sind Themen, die sowohl eine nationale, gar eine europäische Dimension hatten oder haben und die sich lokal niedergeschlagen haben:
1. Die Geografie. Die Lage am Rhein prägt uns bis heute und damit die Geschichte um die europäischen Grenzziehungen bei den Römern und Germanen beginnend bis in das 20. Jahrhundert.
2. Die Wirtschaft. Die Ansiedlung der Textilindustrie ergänzte die örtliche, landwirtschaftlich geprägte Struktur soziologisch gesehen um das Element der Arbeiterschaft, die ihr Auskommen in der industriellen Fertigung fand.
3. Die Infrastruktur. Der Ausbau der Eisenbahn bis Basel brachte Reichsbahnbeamte in die Stadt. Sie sorgten durch ihre große Zahl dafür, dass das Dorf Weil zur Stadt Weil am Rhein wurde und dass sich Haltingen - bis heute vernehmlich - in Ober- und Unterdorf gliedert. Durch die Bahn traten Bahnbedienstete, Bahnarbeiter und - wie man so sagt - erstmals "kleine Beamte" auf den Plan, die in ihrem Denken und Handeln entsprechend geprägt waren.
Bei den genannten Entwicklungsschüben waren es immer wieder Neulinge, die die Zusammensetzung der bis dahin bestehenden Gesellschaft demografisch und soziologisch veränderten:
Elsässer in der Textilindustrie,
Franken und Katholiken aus dem Madonnenländchen für die Bahn und den Zoll,
Mineure und später Textilarbeiter aus Italien und dann der Türkei,
preußisch-brandenburgische Wissenschaftler nach dem Zweiten Weltkrieg,
Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten,
Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion,
Boatpeople aus Vietnam.
Die Reihe lässt sich bis in unsere aktuellen Tage verlängern. Sie alle haben ihre Spuren hinterlassen - und viele davon sind bis heute spürbar.

Die sogenannten "großen europäischen Ereignisse" fanden hier - weit mehr als an vielen, anderen Stelle unseres Landes - ihren Niederschlag. Schlaglichtartig nenne will ich einige Felder, auf denen es lohnt, sich mit den Konsequenzen für die Lokalgeschichte auseinander zu setzen:
die Besiedlung Germaniens durch die Römer,
die verheerenden Folgen der nicht enden wollenden europäischen Bruderkriege,
die religiösen und sozialen Konsequenzen der Reformation,
das Ziehen von Grenzen entlang des Rheins und damit das Trennen von Menschen, die sich nachbarlich sehr nahe standen,
das Leben im Schatten - und durchaus auch im Lichte - einer prosperierenden Großstadt mit ihren Nahwirkungen für das soziale, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Leben.

Und so bietet sich ein geradezu unerschöpflich weites Feld an Themen, mit denen sich ein lokaler Geschichtsverein beschäftigen kann, indem er Ursprünge von Entwicklungen aufgreift und ihre Linien bis in die Gegenwart verlängert.

Im politischen Diskurs wird häufig der Imperativ gebraucht: "Wir müssen aus der Geschichte lernen!" Mir stellt sich dabei die sozialphilosophische Frage: Sind Gesellschaften denn lernfähig? Und falls ja, wie lange hält eine solche Lernkurve an?

Die europäischen Gesellschaften und namentlich die deutsche Gesellschaft haben zur Mitte des 20. Jahrhunderts Lehren gezogen:
nie wieder Diktatur, nie wieder Krieg auf unserem Kontinent,
Vorrang für Menschenrechte, Toleranz, Respekt.
Grundrechte,
Rechtsstaat ("nulla poene sine lege" - Keine Strafe ohne Gesetz; Unschuldsvermutung bis zum gerichtlichen Urteil, auch wenn Indizien anderes unterstellen),
Sozialstaatsgebot,
Meinungs- und Koalitionsfreiheit.
Diese Aspekte gehören zum gemeinsamen europäischen Kanon, dem wir Deutsche - historisch gesehen - sehr spät beigetreten sind. Dazu gehört in unserem Land auch die Staatsform der parlamentarischen, repräsentativen Demokratie. Politische Entscheidungen sollen auf diese Weise abgewogen zustande kommen und nicht den Eingebungen des plebiszitären Augenblicks anheimfallen. Die Erfahrung war, dass das "Hosianna" von gestern und der Ruf "Kreuziget ihn!" von heute oft nicht weit auseinander liegen.

Das Befassen mit Geschichte hat Lernqualität und ist deshalb nach meiner Überzeugung für eine aufgeklärte Gesellschaft notwendig. Ich halte die Beschäftigung mit Geschichte für notwendiger denn je. Geschichte ist keine abschließend umgrenzbare Materie. Geschichte und die sich daraus ergebenden Konsequenzen, bleiben dauerhaft. Sie haben teilweise ein sehr langes Leben. Lassen Sie mich kritisch anmerken: Wenn die Lernfähigkeit der Gesellschaften dieses Erdballs groß wäre, dann hätten es politische Verführer und Despoten heute nicht so einfach.

Sich der Aufgabe zu verschreiben, Geschichtsbewusstsein zu wecken und vergangene Ereignisse in die Gegenwart zu rücken, ist also ein lohnenswertes Ziel. Das gilt für mich vor allem dort, wo die Verbindung zwischen den historischen Großereignissen und Trends und dem lokalen, regionalen Geschehen hergestellt wird. So wird Geschichte jenseits der Jahresdaten lebendig. Mit spannenden Exkursionen in die Region und anspruchsvollen Vorträgen von Historikern und Experten machen Sie seit der Vereinsgründung lokale und regionale Geschichte greifbar. Ihre Jahresprogramme legen davon ein eindrückliches Zeugnis ab. Beachtenswert und wertvoll sind auch die Publikationen, die nun ihrerseits zu Nachschlagewerke für historisch Interessierte geworden sind. Viele wechselnde Personen im Laufe der vergangenen 50 Jahre haben dazu beigetragen. Ihnen allen sage ich ausdrücklich Dank. Der Verein hat heute allen Grund, stolz zurück und mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

Ich gratuliere dem Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde persönlich und namens des Gemeinderates herzlich zu seinem 50jährigen Bestehen. Ein derart rundes Jubiläum hat auch ein rundes Geburtstagsgeschenk verdient. Verstehens Sie es bitte als einen "Zustupf" für die Zukunft des Vereins. In diesem monetären Punkt bekommt Albert Einstein dann vielleicht am Ende doch noch Recht, wonach die Zukunft mehr interessiere als die Vergangenheit.


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