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Kreis Emmendingen - Simonswald

10. Jul 2025 - 17:13 Uhr

Ein Tag auf dem Wisdishof in Simonswald - Wo Herz, Geschichte und Charisma ineinandergreifen

Ein Tag auf dem Wisdishof in Simonswald.

Foto: Hans Simonyi
Ein Tag auf dem Wisdishof in Simonswald.

Foto: Hans Simonyi

Am Waldrand gelegen, am Fuße des Hornkopfs – des kleinen Bruders des Kandels –, erreichbar über eine Serpentinenstraße, öffnet sich dem Besucher ein Panorama sondergleichen. Eines, das auch der Hofbesitzer selbst täglich aufs Neue genießt und wertschätzt.

Barfuß, passend im floral gemusterten Hemd, empfängt Thomas Fidel Kaltenbach – der Wisdisbauer von Simonswald – erneut die Gäste beim jährlichen „Tag der offenen Gartentür“. Mit einem gewinnenden Lächeln, aufrichtiger Herzlichkeit und einer Ausstrahlung, die sofort Vertrauen schafft. Einige Gäste waren bereits auf dem Wisdishof und kommen immer wieder gern. Erstbesuchern erklärt er mit bescheidener Begeisterung, was es alles zu entdecken gibt – und das ist nicht wenig.

Zum geschichtsträchtigen Bauernhof gehören ein verwunschenes Leibgedinghaus, eine kleine Hofkapelle, die er mit vielen helfenden Händen vor 15 Jahren errichtet hat, sowie ein liebevoll angelegter Garten, der das Idyll vollendet. Zwischen blühenden Hortensien und außergewöhnlichem Mohn plätschert ein kleiner Wasserlauf – angelegt aus recycelten Pflanzkübeln seines früheren Arbeitgebers. Dazwischen steht ein alter Grabstein seiner Großeltern aus Prechtal – ein stiller Erinnerungsort mitten im Grünen. Überall gibt es etwas zu entdecken. Gemeinsam mit seiner Mutter pflegt und gestaltet Kaltenbach diese kleine, lebendige Oase mit viel Hingabe. Über dem Anwesen kreisen Falken, Bienen summen, und wer ins Tal blickt, spürt: Hier ist die Welt irgendwie noch in Ordnung.

Vom ansprechend gestalteten Garten führt der Blick zur kleinen Kapelle – schlicht, still und einladend. Oben dran das Nebenhaus, das die Aufmerksamkeit vieler Besucher auf sich zieht. In diesem hat bis vor wenigen Jahren Kaltenbachs Großmutter gelebt. Es stammt aus den 1950er-Jahren – und beinahe alles darin ist noch im Originalzustand erhalten. Nur ein Rohrbruch zerstörte das Badezimmer; geblieben sind die alten Armaturen, stille Zeugen vergangener Zeiten. Dafür wirkt das freigelegte Gebälk heute umso moderner. Es eröffnet eine offene Galerie, die dem Haus eine überraschende architektonische Leichtigkeit verleiht – ein feiner Kontrast zur sonst so bodenständigen, pragmatischen Struktur des Gebäudes. Das charmante Haus kann vollständig besichtigt werden – vom alten Gewölbekeller bis hinauf in den zweiten Stock. Nur der Dachboden bleibt verschlossen – vielleicht als letzter stiller Ort, der seine Geheimnisse bewahren darf. Es ist ein Haus wie aus der Zeit gefallen: verwinkelt und voller Geschichten. Der ehemalige Schweinestall erzählt ebenso wie die abgewetzten Fliesen, die knarzende Holztreppe und der alte, oft befeuerte Ofen von einer Ära, die längst vergangen ist. Und dann ist da dieser Geruch – eine Mischung aus Altbekanntem und Erinnerung, die sich leise und eindrücklich in Herz und Sinne legt. Man meint fast, die Wände würden flüstern. Von früher. Von Familie. Von umtriebigem Schaffen und stillen Momenten, von Abschieden und Anfängen. Vom Leben – unverfälscht, ursprünglich, echt.

Auch die Tenne und der ehemalige Kuhstall laden zum Verweilen und Entdecken ein. Einige Kunstwerke der Ausstellung vom vergangenen Monat sind dort noch zu sehen, ebenso ein antiquarischer Fundus des Wisdishofs. Die von Thomas Kaltenbach ins Leben gerufene ART Wisdis, eine renommierte Kunstausstellung, hat sich in den vergangenen sieben Jahren zu einem kulturellen Highlight von herausragender Bedeutung in der Region entwickelt. Was einst als spontanes, visionäres Projekt mit nur vier Künstlern begann, hat sich zwischenzeitlich verfünffacht und zieht mittlerweile alljährlich Scharen von Besuchern an.

Ganz uneigennützig gab es zudem in der Garage nebenan viele Dinge zu verschenken. Sich immer wieder von Überflüssigem zu trennen, ist Kaltenbach wichtig. So herrscht auf und in dem Hof Ordnung – eine Ordnung, die seine Haltung widerspiegelt: bewusst, klar, gradlinig. „Ich überlege, was ich will – und dann mach ich das auch“, sagt er.

Kaltenbach ist weit mehr als nur Gastgeber und kreativer Impulsgeber. Er bewahrt und pflegt zudem ein wertvolles Erbe – altes Wissen, das seit Generationen in seiner Familie weitergegeben wird. Ganz im Geiste seines Urgroßvaters und in Anlehnung an die Tradition, die der Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob als die Kunst des „Sympathiedoktors“ beschrieb, übt er diese behutsam und gekonnt aus. Bereits vor drei Generationen wurde auf dem Wisdishof und in der Umgebung Mensch und Tier gleichermaßen bei Hauterkrankungen geholfen. Bedauerlicherweise erlaubt die strenge rechtliche Auslegung in Deutschland dies beim Menschen inzwischen nicht mehr. Bis zu 200 Kunden hatte Kaltenbach im Monat – die weiteste Anreise nahm einst ein Patient aus Wien auf sich. Das spricht für sich.

Heute behandelt Kaltenbach ausschließlich noch Tiere – und das mit ebenso großem Erfolg. Seine Hilfe bietet er kostenlos an; etwaige Spenden fließen stets in regionale, gemeinnützige Projekte. Ein Beitrag beim SWR – „Der Tierflüsterer vom Simonswald“ – dokumentiert seine Arbeit eindrücklich und ist auf der Internetseite des Wisdishofs zu finden.

Thomas Kaltenbach – einer, der sich unabsichtlich gängigen Klischees entzieht. Vielseitig und dabei angenehm zurückgenommen. „Ich bin ä Simonswälder, mir losse uns nirgends ni quatsche!“, sagt er mit einem verschmitzten Grinsen. Er verbindet Vergangenes mit der Moderne – sympathisch, selbstverständlich und mit einer Echtheit, die weit über das Tal hinaus spürbar ist. Trotz seiner freiheitsliebenden Art bezeichnet er sich selbst als konservativ. Seit seiner Ausbildung ist er erfolgreich und bodenständig bei einer regionalen Bank in Emmendingen tätig. Den Wisdishof übernahm er vertrauensvoll mit 29 Jahren. Der Abriss des alten Backhauses und der Bau der Hofkapelle gehörten zu seinen ersten Amtshandlungen als neuer Wisdisbauer. Dort konnte er seinem ursprünglichen Berufswunsch – Architekt zu werden – voller Leidenschaft nachkommen. Seitdem bewahrt er Haus, Land und Brauchtum mit viel Herzblut und Sorgfalt. Er arbeitet gern analog. Der Lärm von Maschinen liegt ihm nicht – mit der Sense ist er gerade zu dieser Jahreszeit öfter zugange. Der Mittvierziger berichtet reflektiert und objektiv vom Leben vergangener Generationen, von den Herausforderungen damals und heute. Redegewandt und mit offenem Herzen wird er zugleich von einer etwas geheimnisvollen Aura umgeben.

Auch fotografisch wurde seine tiefe Verbundenheit zur Heimat eingefangen – mehrfach, auch in traditioneller Tracht, gemeinsam mit anderen Menschen der Region. Die Aufnahmen entstanden im Rahmen eines Projekts, das Ursprünglichkeit, Würde und Identität sichtbar machen möchte. Das Ergebnis wurde im Berliner Regierungsviertel gezeigt und findet sich im Buch „Black Food Forest“, begleitet von eindrucksvollen Texten aus Kaltenbachs Feder. Die Fotografien seiner Familie – drei Generationen in Tracht – bestechen durch ihre stille Präsenz und eindrucksvolle Wirkung. Ein besonders kostbares Bild zeigt seine Großmutter, aufgenommen kurz vor ihrem Tod. Ihr Porträt – zu finden in ihrer ehemaligen Küche im Leibgedinghaus, zurückhaltend und voller Würde – ist ein Stück gelebter Geschichte, ein Moment, der mehr sagt als jede Chronik. Eine Chronik, die Kaltenbach zudem selbst geschrieben und über 120 Mal verkauft hat.

Mit der Untersuchung eines alten Balkenstücks vom Hof durch Dendrochronologie bewies sich sein Forscherdrang und der unermüdliche Ehrgeiz, der Geschichte des Hauses präzise auf den Grund zu gehen. Er erlernte eigens zum Studieren der alten Texte die Sütterlinschrift, die ab 1941 offiziell verboten wurde. Er interviewte sehr betagte Simonswälder Bürger und durchforstete das Generallandesarchiv akribisch. Als Autor stellte er so sein Können auch mit gelungenen Beiträgen wie im Kreisjahrbuch „S’ Eige Zeige“ unter Beweis, das durch seine Worte um eine besondere Aussagekraft bereichert wurde. Diese Vielfalt an Talenten macht den Wisdisbauer zu einer wahrhaft außergewöhnlichen Persönlichkeit.

Selbstgebackener Hefezopf, frisch gepflücktes Obst und im klaren Bächle gekühlte Getränke rundeten den Besuch auch kulinarisch ab. Ein Erlebnis für alle Sinne. Und so bleibt man am Ende vielleicht länger stehen als gedacht – nicht, weil man muss. Sondern weil man möchte. Weil dieser Ort und seine Menschen etwas in einem berühren. Hier wird nicht nur ein Hof bewirtschaftet – sondern etwas bewahrt, gestaltet und weitergegeben, das man spüren kann. Etwas Echtes. Etwas Bleibendes. Etwas Einmaliges.

(Presseinfo: Katharina Schnaitter, 10.07.2025)

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